Überall auf Lies doch einfach begegnen Sie dem Wort Lesbarkeit. Doch was bedeutet Lesbarkeit eigentlich?

Bei der Lesbarkeit handelt es sich um die Verständlichkeit von Texten. Erstleser und leseschwache Menschen haben diesbezüglich andere Ansprüche an Bücher als "Leseprofis".

Einem Buch kann man vielleicht noch ansehen, ob es dick oder dünn ist, leider aber nicht, ob es einfach oder schwer zu lesen ist. Es gibt keine offizielle Reglung, was ein Buch einfach oder schwer macht. Jede Erstlesereihe legt da ihre eigenen Kriterien fest. Und alles, was kein Erstlesebuch ist, trägt sowieso keinen Hinweis auf dem Buchrücken, wie einfach oder schwer es ist. Das sind aber genau die Informationen die Erstleser und leseschwache Menschen bei der Literaturauswahl zusätzlich zum Inhalt des Buches benötigen.

Die Lesbarkeitsanalyse

Bei der Lesbarkeit geht es also um die Verständlichkeit von Texten. Aber was macht einen Text verständlich, also leicht lesbar? Und hängt die Verständlichkeit des Textes nur vom Text selber ab?

In der Lesbarkeitsforschung ging man primär vom Text aus. Die Blüte der Lesbarkeitsforschung lag im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bis in die 40ger Jahre hinein. Ziel der Forschung war es, Textmerkmale zu finden, die für das Textverständnis wichtig sind und die man auszählen konnte. Es wurden verschiedene Formeln entwickelt, um die Lesbarkeit zu messen. Zu den bekanntesten Formeln gehören u.a. die:

Reading Ease-Formel von FLESCH
Wiener Sachtextformel
LIX (Carl-Hugo-Björnsson)

Für die deutsche Sprache wurden ca. 20 Formeln entwickelt. All diesen Formeln liegt zugrunde, dass sie sich in unterschiedlicher Gewichtung auf die Satzlänge, die Silbenanzahl pro Wort und die Buchstabenanzahl pro Wort beziehen.

Diese sehr einseitige Betrachtungsweise von Texten hat durchaus Kritik hervorgerufen. Zurecht wurde bemängelt, dass der Inhalt eines Textes, wie auch der Leser selbst, völlig ausgeblendet wurden. Dieses gilt auch für die Silbenstruktur und Graphemkomplexität sowie für den verwendeten Wortschatz.

Die Beziehung zwischen Text und Leser

Wenn es darum geht, Menschen im Leseerwerb bzw. mit Lesestörungen Literatur zu empfehlen, muss man drei Aspekte berücksichtigen.

1.) Den Leser

  • Leseinteressen, Themenauswahl
  • Alter, Geschlecht
  • Leseweise
  • Sprachfähigkeit
  • Thematisches Vorwissen/ Sachkenntnis
  • Konzentrationsfähigkeit/ Arbeitsgedächtnis
  • evtl. kognitive Einschränkungen
  • Visuelle Wahrnehmung und Verarbeitung

2.) Inhalt und Darstellung eines Textes

  • Thema
  • Altersangemessenheit
  • Aufbau und Strukturierung des Inhaltes
  • Wortschatz (Wörter des alltäglichen Gebrauchs, Anteil der Fach-/ Fremdwörter)
  • Unterstützung des Lese-Sinn-Verständnisses z.B. durch Bilder, Aufgaben etc.)
  • Leserlichkeit (Schriftart, Schriftgröße, Zeilenabstand)
  • Medium: Buch, E-Book, Hörbuch

3.) Formale Schwierigkeiten eines Textes (Lesbarkeit)

  • Satzlänge
  • Wortlänge: Zeichen pro Wort, Silben pro Wort
  • Komplexität der Silbenstruktur
  • Komplexität der Grapheme
  • Redundanz bei Schlüsselwörtern

Aspekt 3 verliert mit fortschreitender Lesekompetenz des Lesers an Bedeutung.
Die formalen Schwierigkeiten eines Textes müssen bei den angesprochenen Leserzielgruppen jedoch sehr viel stärker berücksichtigt werden, als bei einem kompetenten Leser.

Lesbarkeitsanalyse nach Berten/Kruber

Da die oben beschriebenen Verfahren zur Ermittlung der Lesbarkeit eines Textes nicht zu unterschätzende Schwachstellen haben, sind wir bei der Textanalyse andere Wege gegangen. Zunächst muss jedoch gesagt werden, dass auch unsere computergestützte Textanalyse bei der Bewertung eines Textes eine wichtige, aber bei Weitem nicht die einzige Rolle spielt – s.o.

Anhand mehrerer hundert Texte, bei denen entweder das Urheberrecht abgelaufen ist, oder aber bei denen uns die Genehmigung des Urhebers vorliegt, haben wir unser Verfahren immer wieder überprüft. Dabei haben wir festgestellt, dass es schon reicht, Textproben zu analysieren, da ein Autor den einmal begonnen Schreibstil in der Regel nicht ändert und somit die Lesbarkeit – wenn überhaupt – nur minimal schwankt.
Zusätzlich wurden die Texte mit unterschiedlichen Zielgruppen gelesen, um auch so zu überprüfen, wann ein Text leicht ist.

Die Datenbank

Das Herzstück unserer Textanalyse ist eine Datenbank, die jedes Wort in all seinen morphologischen Erscheinungsformen analysiert und auf einer von 70 Synthesestufen, die sich wiederum auf 5 Bereiche (Lesestart, sehr einfach, einfach, normal, anspruchsvoll) verteilen, einsortiert. Je höher die Stufe, bzw. der Bereich, desto komplexer das zu erlesende Wort. Die Einsortierung eines Wortes wird anhand seiner Grapheme, deren lautlichen Realisierung (Phonem), Silbenstrukturen, Silbenanzahl, und Zeichenanzahl berechnet. Berücksichtigt wird ebenfalls, ob das Wort zum Grundwortschatz gehört.

Die Datenbank umfasst zurzeit ca. 20.000 Wörter (Stand: September 2014). Sie enthält u.a. den Grundwortschatz und alle wichtigen Funktionswörter. Um eine möglichst exakte Analyse zu erhalten, wird die Datenbank ständig mit neuem Wortmaterial erweitert.

Wörter, die sich noch nicht in der Datenbank befinden, werden bei einer Textanalyse selbstständig und mit hoher Genauigkeit von dem Programm auf der Grundlage des schon vorhandenen Wortmaterials/ Silbenmaterials eigenständig berechnet.

Die Textanalyse

Die Zuordnung eines Textes zu einem der 5 Bereiche (Lesestart, sehr einfach, einfach, normal, anspruchsvoll) geschieht bei einer Textabdeckung von 75%.

Die 5 Bereiche

Die folgenden Tabellen geben einen Überblick, nach welchen Kriterien die Lesbarkeit eines Textes beurteilt wird. Nicht immer treffen dabei alle Aspekte zu.

Lesestart Wortschatz:

zielgruppenentsprechender Wortschatz, keine Fremdwörter, keine Fachbegriffe, keine veralteten Wörter

Grapheme (Buchstaben):
bestimmte Grapheme treten entweder verstärkt auf (zwecks Übung) oder werden noch vollständig ausgeschlossen (z.B. in Fibeln)

Wortlänge (Silben- und Zeichenanzahl): überwiegend 4 Zeichen 1- und 2-Silben

Silbenstruktur: einfache Silbenstrukturen V, KV, KVK, VK

Satzlänge: überwiegend max. 5-WS

Text: Silben-, Wort-, und Satzebene: überwiegend Textabschnitte mit bis zu 3 Sätzen

sehr einfacher Text

Wortschatz:
zielgruppenentsprechender Wortschatz, keine Fremdwörter, keine Fachbegriffe, keine veralteten Wörter

Grapheme (Buchstaben):
Alle Grapheme, auch mehrgliedrige Grapheme, Vokaldehnungen und Konsonantenverdopplungen

Wortlänge (Silben- und Zeichenanzahl):
überwiegend max. 5 Zeichen 1- und 2-Silben

Silbenstruktur:
überwiegend einfache Silbenstrukturen V, KV, KVK, VK sowie KVKK, VKK

Satzlänge: überwiegend max. 10-WS

Text:
Satz- und Textebene
überwiegend Textabschnitte mit bis zu 5 Sätzen, kurze Texte

einfacher Text

Wortschatz:
zielgruppenentsprechender Wortschatz
Fremdwörter, Fachbegriffe, veraltete Wörter zumeist in einem erklärenden Kontext

Grapheme (Buchstaben):
vereinzelt Fremdgrapheme

Wortlänge (Silben- und Zeichenanzahl):
überwiegend max. 6 Zeichen 1-3-Silben

Silbenstruktur:
überwiegend einfache Silbenstrukturen und einfache Mehrfachkonsonanz

Satzlänge:
überwiegend max. 15-WS

Text:
Satz- und Textebene
größere Textabschnitte, in Kapitel unterteilte Bücher, diverse Textarten

 

normaler Text

Wortschatz:
Fremdwörter, Fachbegriffe, veraltete Wörter können auch ohne erklärenden Kontext im Text vorkommen.

Grapheme (Buchstaben):
erhöhter Anteil von Fremdgraphemen

Wortlänge (Silben- und Zeichenanzahl):
erhöhter Anteil von Wörtern mit mehr als 6 Zeichen und mehr als 3 Silben.

Silbenstruktur:
erhöhter Anteil komplexer Mehrfachkonsonanz

Satzlänge:
erhöhte Anzahl von Sätzen mit mehr als 20 Wörtern.

Text:
diverse Textsorten mit unterschiedlichem Textumfang.

anspruchsvoller Text

Wortschatz:
hoher Anteil an Fremdwörtern, Fachbegriffen, veraltete Wörter

Grapheme (Buchstaben):
hoher Anteil von Fremdgraphemen

Wortlänge (Silben- und Zeichenanzahl):
hoher Anteil von Wörtern mit mehr als 6 Zeichen und mehr als 3 Silben

Silbenstruktur:
hoher Anteil komplexer Mehrfachkonsonanz

Satzlänge:
hohe Anzahl von Sätzen mit mehr als 20 Wörtern

Text:
diverse Textsorten mit unterschiedlichem Textumfang

 

Beispiel:

Ein Text für einen fortgeschrittenen Leseanfänger oder ungeübten Leser erhält die Bewertung einfacher Text.

Das bedeutet: 75%, des Textes entsprechen dem Wortmaterial und der Satzlänge der Bereiche Lesestart – einfacher Text. 25% des Textes entsprechen dem Wortmaterial und der Satzlänge der Bereiche normaler und anspruchsvoller Text.

Warum 75%?

Menschen mit einem erschwerten Leseerwerb bzw. mit Lesestörungen lassen sich von Schwierigkeiten in einem Text eher entmutigen, als Menschen, denen das Lesen (lernen) leicht fällt. Diese Entmutigung kann je nach Persönlichkeit zu einer totalen Verweigerung des Lesens führen. Ziel sollte es also sein, dem Leser Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Das heißt: Die Textstruktur sollte den Fähigkeiten des Lesers entsprechen. Nun gibt es jedoch, bis auf spezielle Fibel- und Fördertexte, kaum Texte oder gar Literatur, die bewusst schwierige Strukturen ausklammert. Durch die Textanalyse kann der Anteil der Strukturen, die zu schwer sind, jedoch exakt bestimmt werden. Wir gehen davon aus, dass ein Leser mit einer unauffälligen Lernmotivation, sich bei einem Verhältnis von 75 zu 25 nicht entmutigen lässt. Es ist ja nicht so, dass er 25% des Textes überhaupt nicht lesen kann, sondern, dass er bei diesen 25% evtl. auf andere Leseweisen zurückgreifen muss. Natürlich kommt es bei diesen 25% auch zu erhöhten Lesefehlern oder Wörter können im Einzelfall gar nicht erlesen werden. Ein Leser mit einer normalen Lesemotivation fragt dann gewöhnlich nach, wie er das ein oder andere Wort erlesen muss oder erschließt sich den Sinn aus dem restlichen Text.

Ob diese 75% für den einzelnen Leser ausreichen, muss letztendlich jedoch individuell entschieden werden. Bei einem sehr misserfolgsorientierten Leser, der schnell aufgibt, ist es sinnvoll den Anteil des Textes, der ihm keine Probleme macht, noch höher zu setzen. Das erreicht man dadurch, indem man einen Text mit einer leichteren Bewertung wählt. Umgekehrt kann man einem sehr motivierten Leser durchaus schwerere Texte anbieten.

Die Bedeutung der Wortredundanz

Je häufiger ein Wort in der immer gleichen Ausprägung in einem Text vorkommt, desto eher kann es der Leser abspeichern und schließlich problemlos erkennen. Wortredundanz wirkt beim Leseerwerb unterstützend. Doch wie kann man Wortredundanz ermitteln?

Auch hierfür wurden im Laufe der Zeit verschiedene Formeln entwickelt. So zum Beispiel:

Type-Token-Ratio-Index (TTR)
MTLD (measure of textual lexical diversity)

Das Problem dieser Formeln ist, dass der informative Wert und die Funktion eines Wortes im Text nicht berücksichtigt werden. So fließen auch alle redundanten Funktionswörter in die Berechnung mit ein. Beim TTR hat dies beispielsweise zur Folge, dass ein Text umso redundanter ist, je größer er wird. Ausschlaggebend sind hierbei die Funktionswörter. Das ist einleuchtend, man überlege nur, wie oft Wörter wie /der/, /die/, /das/ /und/ .... in einem Text auftauchen.

Damit die Wortredundanz das Lese-Sinn-Verständnis beim Lesen eines Textes unterstützt, sind aber vor allem Schlüsselwörter wichtig. Dies sind in der Regel Nomen, Vollverben und Adjektive.

In unserem Verfahren sind wir daher einen anderen Weg gegangen, um die Wortredundanz zu ermitteln. Es werden nur Nomen, Vollverben und Adjektive gleicher Ausprägung als redundant erfasst, die mindestens 1% des Gesamttextes ausmachen und dabei mindestens zweimal im Text vorkommen.

Nachdem wir mit diesem Verfahren eine Vielzahl von Texten auf die Redundanz untersucht haben, sind wir zu folgender Bewertung gekommen.

Prozentualer Anteil redundanter Wörter im Text Bewertung
0,00% keine Redundanz

bis 4,99%

niedrige Redundanz

5-9,99%

normale Redundanz
10-19,99% erhöhte Redundanz
20-34,99% hohe Redundanz
ab 35% sehr hohe Redundanz

Ab einer Redundanz von 10% kann es zu Auswirkungen bei der Texteinsortierung zu einem der fünf Bereiche kommen.

 

Wer wir sind

Mein Name ist Sabine Kruber. Jahrgang 1971. Ich bin Diplom-Sprachheilpädagogin.
Mein Studium absolvierte ich an der Universität Köln.

Seit 1998 war ich in diversen sprachtherapeutischen Praxen und einem integrativen Kindergarten als Sprachtherapeutin tätig.

2007 habe ich mich selbstständig gemacht und mich schwerpunktmäßig auf die Therapie von Legasthenie konzentriert. Im Rahmen dieser Tätigkeit schreibe ich häufig Texte, welche an die besonderen Bedürfnisse meiner Klienten angepasst sind.

Mitglied der DGS (Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik e.V.)

 sk verschrieben kl 2
 andre berten

 

 

 

 

Ich heiße André Berten. Jahrgang 1970 und bin Diplom-Ingenieur für Technische Informatik.

Nach meiner Ausbildung zum Informationselektroniker absolvierte ich mein Studium der Technischen Informatik an der Universität Siegen, wo ich auch bis 2002 als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war.

Seit 2002 bin ich Mitarbeiter einer großen Versicherung im Bereich Projektentwicklung.

 

Mit der Entwicklung des Projektes Lies doch einfach haben wir 2006 begonnen.
2013 sind wir mit unserem Projekt zum ersten Mal an die Öffentlichkeit gegangen. Zunächst haben wir mit einer kleinen Zielgruppe unser Konzept erprobt und haben gleichzeitig mit Verlagen Kontakt aufgenommen. Seit Februar 2014 sind wir mit unserer Webseite www.lies-doch-einfach.de online gegangen. Seitdem gibt es auch einen regen Austausch mit Verlagen, deren Bücher wir empfehlen, sowie den Verbänden BVL-kids, EÖDL und DVLD, die unsere Leseempfehlungen u.a. auf ihren Facebook-Präsenzen teilen.

 

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