Das Tagebuch der Anne Frank

Graphic Diary

Anne Frank, Ari Folman, David Polonsky
S. Fischer Verlag

Alter: 10-99 / WM/ Lesbarkeit: einfach-normal / Textumfang: L (160 Seiten)

Anne Franks Tagebuch, weltbekannt und geliebt, liegt jetzt in einer völlig neuen Form vor: als Graphic Diary.
Es verbindet auf einzigartige Weise den Originaltext mit lebendigen, auf dem Tagebuch basierenden Dialogen und Erzählungen und ist eindrücklich und einfühlsam bearbeitet und illustriert von Ari Folman und David Polonsky. Quelle: S. Fischer Verlsg

Leseempfehlung

von Sabine Kruber

Das Tagebuch der Anne Frank als Graphic Diary. Geht das überhaupt? Wird man Anne Frank auf diese Weise gerecht oder zieht man ihr Schicksal damit ins Lächerliche? Diese Frage habe ich mir gestellt, als ich das erste Mal von dieser Buchversion gehört habe.
Beim Lesen wird sehr schnell klar, dass diese Interpretation des berühmten Tagebuchs eine sehr intensive Sichtweise auf Anne Frank erlaubt. Ich empfand dies als sehr authentisch. Den Autoren ist eine durchaus freche, aber auch sensible Interpretation des Tagebuchs gelungen.
Ari Folman (Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent) und David Polonsky (preisgekrönter Illustrator und Comiczeichner) sind zwei junge Israelis, die vor allem auch durch ihren Oscar-nominierten Animationsfilm Waltz with Bashir bekannt geworden sind.
Das Graphic Diary umfasst genau wie der Originaltext den Zeitraum zwischen dem 12. Juni 1942 und dem 1. August 1944 und endet wie auch das Original abrupt, aufgrund der Deportation Annes und der anderen Bewohner des Hinterhauses. Im Anschluss gibt es dann noch (genau wie beim Textoriginal) ein kurzes Nachwort, aus dem das Schicksal der acht Bewohner und ihren Helfern hervorgeht.
Inhaltlich wurden für das Graphic Diary Kürzungen vorgenommen, dafür wurden jedoch sehr intensive Schwerpunkte vor allem auf Annes Innenleben gesetzt. Andeutungen aus dem Originaltext, werden von Folman und Polonsky bildlich ausgeführt und sehr sensibel aber auch humorvoll interpretiert. Dies kommt vor allem unerfahrenen Lesern und Menschen mit Leseschwäche entgegen, die Schwierigkeiten haben, zwischen den Zeilen zu lesen und zu interpretieren. Annes Intentionen lassen sich aus den Illustrationen wunderbar ablesen.
Wie auch im Textoriginal handelt es sich in dieser Fassung um Tagebucheinträge, die mit dem jeweiligen Datum versehen sind. Anne vertraut ihrem Tagebuch, das für sie ihre imaginäre Freundin Kitty darstellt, all ihre Gedanken, Wünsche, Ängste, aber auch Wut, Ärger und Frust an.
Anne bekommt das Tagebuch zu ihrem 13. Geburtstag. Zu diesem Zeitpunkt versteckt sie sich mit ihrer Familie noch nicht in dem Amsterdamer Hinterhaus. Da sie eine sehr fleißige Tagebuchschreiberin ist, ist es beklemmend zu lesen, wie die Situation für die Familie, die schon aus Deutschland vor den Nazis in die Niederlande geflohen ist, immer gefährlicher wird. Schließlich wird die Gefahr so groß, dass sie sich im Hinterhaus der Firma, in der Annes Vater Direktor war, zusammen mit anderen verfolgten Juden verstecken müssen.
Nur Dank der Angestellten dieser Firma ist es Anne und ihrer Familie, der Familie van Daan und Herrn Dussel überhaupt möglich, so lange unentdeckt zu bleiben und mit dem Notwendigsten versorgt zu werden.
Anne schreibt über ihre Wünsche, Träume und Ängste, aber vor allem beschreibt sie den Alltag im Hinterhaus: Die extremen Vorsichtsmaßnahmen, an die sie sich alle halten müssen, um nicht entdeckt zu werden, die Streitereien und Reibereien, die sich zwangsläufig entladen, wenn so viele Menschen auf so engem Raum miteinander klarkommen müssen und dabei immer die Angst im Nacken sitzt, doch noch von den Nazis entdeckt zu werden.
Das Graphic Diary zeigt außerdem sehr deutlich das Verhalten eines Teenagers unter den besonderen Umständen des Eingesperrtseins auf engem Raum. Frust und Wut, der sich durch Konflikte innerhalb der Familie oder mit den andern Mitbewohnern aufbaut, können nicht einfach durch Schreien, Füße stampfen und Türen knallen abgebaut werden.
Anne leidet unter dieser Situation und die einzige Möglichkeit, diese Emotionen zu verarbeiten ist ihr Tagebuch. Das Graphic Diary zeigt ihr aufgeladenes, emotionales Innenleben sehr gut.
Auch wenn Anne unter der Situation leidet und durchaus verzweifelt ist und das Tagebuch die Entwicklung eines Kindes zu einer Erwachsenen ohne richtige Jugend wie unter einem Brennglas zeigt, verliert sie nie den Mut und macht sich Gedanken darüber, was nach dem Krieg sein wird. Sie schafft es immer wieder ihr Gleichgewicht wiederzufinden, wobei ihr sicher auch ihr Humor hilft. Auch wenn Anne diesen Humor häufig nur in ihrem Tagebuch zeigen konnte, so gehen Folman und Polonsky einen Schritt weiter und lassen genau diese inneren Vorstellungen und Annes Humor lebendig werden. Ganz klar steht Anne Frank als eigenwilliger Charakter und durchaus renitenter und selbstbewusster Teenager im Fokus.
Das Graphic Diary ist eine Mischung aus Comic, Bilderbuch und originalen Textpassagen, die schon mal über zwei Seiten gehen können. Die Lesbarkeit ist daher stark schwankend. Während die Comic- und Bilderbuchanteile eine einfache Lesbarkeit haben, weist der Fließtext eine normale bis anspruchsvolle Lesbarkeit auf.
Die serifenlose comichafte Druckschrift ist eher klein und die Zeilenabstände normal, was Lesern, die Probleme mit der visuellen Wahrnehmung und Verarbeitung haben, Probleme bereiten könnte. Ich empfehle in solchen Fällen einen Lesestein o.ä.
Des Weiteren empfehle ich einen Lesepartner, nicht nur für schwächere Leser, sondern auch für jüngere Leser, da es bei der Lektüre des Buchs, bestimmt erhöhten Redebedarf gibt.

Fazit: Ari Folman und David Polonsky sind eine sehr sensible und durchaus humorvolle Interpretation gelungen, die auch für Leser interessant ist, die den Originaltext bereits gelesen haben.

 

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